close

In einer Berliner Hinterhofwerkstatt begann Georg ­Neumann 1928, bessere Mikrofone zu bauen. Heute stehen diese Mikro­fone und Monitor­systeme für Exzellenz am Anfang und Ende der Signalkette. Und morgen? 90 Jahre wären ein gutes ­Alter, um rüstig zu werden. Die Kultur im Jahr 2018 ist im Umbruch, verändert Hör­gewohnheiten ebenso wie Produktions­realitäten. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Wolfgang ­Fraissinet über Markenwerte, Innovationslust, über Demut – und den Club der toten Dichter.

Was haben Sie gerade gesagt?

Ich sagte, wir bauen nicht die besten Mikrofone der Welt. Es gibt kein »bestes Mikrofon«.

Aber ...

Das ist ein Missverständnis. Ich war in unzähligen ­Studios auf der Welt. Ich durfte auch Erfahrungen als Produzent sammeln, habe gern mit Orchestern gearbeitet, mit Filmmusik, mit großartigen Jazz-Talenten. Technisch wie künstlerisch ist das bereichernd. Dabei setzt du diesen großen Neumann-Hut ganz bewusst ab, steigst ins Produktionsteam ein, konzentrierst dich vor allem auf die künstlerische Seite. Das bringt mich dann an einen Punkt, an dem ich von meiner Neumann-Rolle abweiche und mich für ganz andere Mikrofone entscheide – je nachdem, was wir aufnehmen und welchen Effekt wir erzeugen wollen. Es ist doch unrealistisch anzunehmen, dass alles, was man macht, mit Neumann immer am besten klingt. Das ist nicht so.

Schmerzt diese Erkenntnis später am Abend dann nicht den Geschäftsführer?

[lacht] Einerseits habe ich das bitter erfahren: Ich repräsentiere doch Neumann! Wir produzieren und forschen mit diesem enormen Aufwand, unsere Produkte gelten als legendär! Aber eigentlich … eigentlich klingt dieses andere Mikrofon gerade jetzt, gerade in dieser Anwendung einfach besser, nein: richtiger. Andererseits ist das eine süße Erfahrung. Weil ich den Kunden jetzt besser verstehe: Warum sich der Engineer oder der Künstler oder Producer bei welcher Anwendung für welche Lösungen entscheidet. Das ist Teil seiner Kunst und wir sind als Neumann gut beraten, Demut zu bewahren. Wir gehören zu den Besten, aber nicht immer, nicht für jeden und nicht für jede Anwendung. Zu gutem Sound gehört eine breite Mikrofonauswahl, keine Monokultur. Wir dürfen Teil dieser erlesenen Auswahl sein. Das ist großartig.

Neumann hat gerade das Röhrenmikrofon U 67 zu einem stolzen Preis wieder auf den Markt gebracht. Gleichzeitig schließen viele klassische Studios und Produktionsabläufe sind im Umbruch. Die Zeit, in der auch Neumann groß wurde, scheint vorbei. Wie reagieren Sie darauf?

Das gute alte U 67 war ja damals seiner Zeit deutlich voraus und hat wesentlich zu einer Veränderung im Recording beigetragen. Und ja, bis heute bleibt sein unverwechselbarer Sound. Aber wo früher erst einmal in Ruhe Bild und Ton produziert wurden, gibt es heute quasi simultane, vernetzte Nachrichten, Musik und Filme in digitalen Kanälen. Die ganze Signalkette hat sich verändert. Das bezieht sich auch auf die Produktion. Es wird mehr produziert, breiter produziert; in Homestudios entstehen Projekte, die Zugänglichkeit verbreitert sich ständig.
In dieser Veränderung der Märkte und der Produktionen sehen wir Möglichkeiten. Wir möchten mitgestalten.

Was darf ich da von Neumann erwarten?

Einerseits bringen wir einen Klassiker der 1960er Jahre wieder auf den Markt. So ein scheinbar altes Ding. Er klingt hundertprozentig wie sein Vorfahre. Wer etwas tiefer in der Technik steckt, ahnt, welche Aufwände allein in der Entwicklung des Netzteils oder der Verstärkerschaltung liegen. Das Arbeiten mit kleinsten Strömen und Dimensionen beherrschen wir bis heute. Aber zwei Türen weiter sitzen unsere Coder und entwickeln die Software für den digitalen Signalprozessor in unserem Monitor KH 80 DSP weiter. Sie haben nur ein knappes Megabyte Speicher zur Verfügung – und die Hälfte davon nimmt schon das ­­Betriebssystem ein. Nebenbei entwickeln wir die dazu passenden Protokolllayer. Das ist ein extrem hohes Niveau. Aber das ist eben auch Handwerk. Viel wichtiger: Was machen wir, wenn wir einen DSP von Grund auf programmieren? Nicht Effekte. Kein Feuerwerk. Wir entwickeln Algorithmen, mit denen Sound im Raum präziser wird – auch ohne große Aufwände. Ja, das braucht etwas länger. Aber dafür liefern wir etwas, was auch Georg Neumann sehr gut konnte: State of the Art. Nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug. Und übrigens: Im Falle des Monitors für 500 Euro pro Stück.

Dieser teils brachiale Wandel macht Ihnen keine Sorge?

Nein. Wir schauen nach vorn, nicht nach hinten. Die Markenwelt von Neumann wird sich auf weitere Geschäfts­felder ausweiten. Was uns in den Studios auszeichnet und bei den Profis, die mit unseren Werkzeugen arbeiten, das werden wir auch in anderen Branchen erlebbar machen.
Kassette, Schallplatte, CD, digitale Vertriebswege: Da haben wir gerade in den letzten beiden Jahrzehnten einen Umbruch erlebt. Mehr als die Hälfte der Musik wird heute digital vertrieben. Der physikalische Träger wird verschwinden, zugleich geben die Menschen mehr Geld aus für Musik und den Zugang zu Musik. Die Branche ringt nicht um Anteile an einem gleichbleibenden Markt, sondern um ihren Platz bei seinem Wachstum. Der Kuchen selbst wird größer! Wir suchen die Skillsets der Zukunft und denken nicht mehr allein in Hardware. Wir denken an Zugänglichkeit, an Access zu bislang noch physikalisch begrenzten Räumen und Events. Der Entwicklungsprozess findet jetzt statt. Jetzt. Mit oder ohne uns. Wir springen lieber auf den Zug auf und gewöhnen uns an die Geschwindigkeit, statt den Zug auf eine bequemere Geschwindigkeit zu bremsen.

State of the Art und ein ausgeprägter Sinn für Feinheiten. Wie will sich Neumann mit diesen Kompetenzen entwickeln?

Die Menge an Hardware, die man in Kisten packen und verkaufen kann, sinkt – und wird weiter sinken. Sie wird ersetzt durch eine IT-basierte, durch eine softwaregestützte Produkt- und Dienstleistungswelt. Wir sitzen bei Neumann ja nicht auf unseren ­U-47-Konstruktionszeichnungen und rufen »Vintage!« oder »­Analog only!«. Wir sind in den Labs, in der Entwicklung schon eine Ecke weiter. Aber noch nicht zufrieden. Wenn wir zufrieden sind, werden wir uns hörbar machen.

"Interagiere ich mit dieser kleinen Maschine vor mir gerade als Musiker oder mehr als Techiker? Worauf konzentriere ich mich eigentlich, wenn ich davor stehe? Solche Fragen bewegen uns."

Haben Sie ein praktisches Beispiel?

Zum Beispiel Dienstleistungen, etwa Akustikdesign: Wir schauen uns die Räume an, in denen mit unseren Produkten gearbeitet wird. Nicht nur Studios – auch Theater, Bühnen, Botschaften. Wir helfen bei den Überlegungen, wie der Sound in diesem Raum läuft, wirkt, arbeitet. Wie erreichen wir das akustische Ziel – zum Beispiel eine Beethoven-Symphonie – in diesem oder jenem Raum? Da sind wir weit weg von Schaltungstechnik und nah an der Frage: Wie gestalten wir hier Audio? Wie gestalten wir Emotionen? Was erwarten die Gäste, die Menschen in dieser Umgebung? Welche Ansprüche stehen hier im Raum?

Oder nehmen Sie die Gesundheitstechnik: Natürlich hört man den Herzschlag nicht am besten mit einem Neumann-­Mikrofon. Aber viele Vitalwerte werden über Sensoren aufgenommen, die technologisch ähnlich arbeiten wie das, was wir sehr gut kennen. Und zweifelsfrei geht es hier um Verlässlichkeit und Präzision … oder nehmen Sie Access: Zugänglichkeit zu physikalisch begrenzten Räumen, Events. Das Schöne: Das Mikrofon als einzelnes Gerät wird bleiben. Was ich allerdings damit mache – das wird völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

Und was sagen Sie Künstlern?

Wie wäre es mit der Frage: »Was macht das Mikrofon mit mir?« Warum klingt meine Atemtechnik vor dem U 87 anders als vor dem Mikrofon X oder Y? Muss ich meine Atmung verändern oder ist das Gerät einfach anders? Interagiere ich mit dieser kleinen Maschine vor mir gerade als Musiker oder mehr als Techniker? Worauf konzentriere ich mich eigentlich, wenn ich davor stehe? Es gibt ein Spannungsfeld zwischen dem, was wir als Neumann ins Studio stellen und dem, was Künstler mit ins Studio bringen. Solche Fragen bewegen uns – und wir glauben nicht, dass wir da 2018 schon alles zu Ende gedacht haben. [schmunzelt] Wir haben ein paar Ideen zu diesem vermeintlich so bekannten User-Interface.

Wenn ich seit Jahrzehnten mit Neumann-Produkten arbeite, weiß ich, was ich erwarten darf. Wie verändert sich Neumann denn jetzt für mich?

Für einen großen Teil des Marktes, der sich in Unterhaltung und Kultur gerade neu erfindet, gibt es weder einen Tontechniker noch einen Toningenieur – obwohl dort Ton entsteht. Wir können nicht ignorieren, dass es auch Leute gibt, die guten Ton produzieren, aber eigentlich nicht wissen, wie es geht. Die probieren rum, haben es jedoch nicht klassisch gelernt. Diesen Content Creators könnten wir einen Teil unseres Know-Hows zur Verfügung stellen. Wissenstransfer wäre ein Stichwort. Aber davon abgesehen: Die Tonwelt entwickelt sich und wird größer als das, was wir heute machen. Sie ist IT, gepaart mit Audio und/oder Video.

Wo sehen Sie Neumanns Rolle in diesem kreativen Gestaltungsprozess?

Bislang sind wir als Unternehmen auf der Seite der Technik. Dann gibt es den Bereich, in dem sich Kunst und Gestaltung treffen, wo heute noch Tonmeister und Künstler um das Ergebnis ringen. Und es gibt natürlich die Zuhörer. In diesem Feld – zwischen Bereitstellen der Technik und dem emotionalen Erlebnis des fertigen Produktes – da ist dieser Bereich, in dem sich Technik und Kunst berühren, sich vermählen. Auch mit der besten Technik entsteht nichts, wenn das Gefühl für Musik fehlt – und umgekehrt. Der Ingenieur sagt gerne: Man kann alles messen. Aber ich kann ja nicht im Studio stehen und sagen: »Okay, wir haben die Aufnahme gemessen. Sie klingt gut.« Das ist Unsinn. Das ist wie im Film Der Club der toten Dichter, wo in dieser Anfangsszene Dichtkunst in X- und Y-Achsen vermessen werden soll. Erinnern Sie sich? Robin Williams hat uns in seiner Rolle an den Wahnsinn darin erinnert.

Für unseren Bereich gilt: Das, was zwischen diesen Messwerten und der Kunst liegt, ist ein Prozess; es braucht eine technische und menschliche Intelligenz. Diese Intelligenzen kann Neumann mit in die Waagschale werfen. Das wird nicht den kreativen Prozess des Schreibens und Komponierens ersetzen, aber es wird den kreativen Prozess der Umsetzung verbessern. Da können wir gut mitreden.

Das klingt nach mehr als nur Produkten.

Diese Zeiten neigen sich – glaube ich – dem Ende zu. Je virtueller, desto intellektueller. Die »Handwerker« der Zukunft werden an einer Stelle arbeiten, wo virtuelle und reale Welt sich berühren; sich kombinieren. Du musst mittlerweile mehr können, als nur ein Instrument beherrschen oder eine Musik zu schreiben. Einen Film zu vertonen oder ein Foley-Studio zu betreiben, ist heute von mehr abhängig. Du musst Software und Algorithmen verstehen; Dinge, die abseits vom reinen Handwerk ablaufen. Die Vorstellungskraft dafür nährt sich aus anderen Quellen als dem reinen Spiel eines Instrumentes. Und gleichzeitig braucht es bei aller IT- und KI-Verliebtheit dieser Welt einen gesunden Menschenverstand, um mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben.

"Wir sind und bleiben für die Profis da draußen auf Augenhöhe – für die ganz großen Namen genauso wie für die Ingenieure und Techniker, deren Namen vielleicht niemand kennt, die aber großartige Arbeit machen."

Wie also werden sich die Berufsbilder eines Tonmeisters oder Tontechnikers in den nächsten Jahren verändern?

Sie werden immer IT-lastiger, immer softwarebasierter und einen anderen intellektuellen Anspruch haben. Wir Deutschen verwechseln das gerne mit Bildung, mit Ausbildung. Das meine ich nicht. Ich meine die Fähigkeit, kreativ und schöpferisch tätig zu sein. Wir sehen heute immer mehr Talente, die nicht erst eine Ausbildung zum Tonmeister machen, bevor sie den Nerv der Zeit treffen. Wie viele Musikproduzenten machen einen hervorragenden Job – ohne technische Ausbildung? Und Neumann sollte wach bleiben in diesem Übergang; wach für Geschäftsmodelle, die den Veränderungen auf allen Ebenen Rechnung trägt: in Populärkultur, in Technik, in Lifestyle, in Architektur. Das geht über die Frage hinaus, wie genau das nächste Mikrofon aussieht oder ob der nächste Lautsprecher jetzt größer wird. Und es macht großen Spaß, darüber hinaus zu denken.

Werde ich Neumann denn in zehn Jahren noch wiedererkennen?

Aber ja. Wir bleiben State of the Art für Professionals und für professionelle Ansprüche. Wir wollen auch in der Zukunft zur Avantgarde gehören. Wir vergessen die Profis nicht, Verlässlichkeit ist unser Kern. Ich traue mich kaum zu sagen »Loyalität gegenüber unseren Kunden« – das Wort klingt heute so altmodisch. Aber genau das meine ich. Wir sind und bleiben für die Profis da draußen auf Augenhöhe – für die ganz großen Namen genauso wie für die zahllosen Ingenieure und Techniker, deren Namen vielleicht niemand kennt, die aber großartige Arbeit machen.