»DIE INNENRESONANZEN WAREN…SCHWIERIG«

»DIE INNENRESONANZEN WAREN…SCHWIERIG«

Die Chance für einen ersten Eindruck gibt es nur einmal. Dessen waren sich die Entwicklerteams für den ersten Neumann-Kopfhörer bewusst. Sehr.

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Klingen sie nun »langweilig« und »unspektakulär« oder sind sie der neue Referenzstandard für Monitoring und Mixing? Nach dem Marktstart im Januar 2019 wurde das erste Kopfhörerpaar von Neumann von den kritischsten Ohren der Welt abgehorcht. Was sie da zu hören bekamen, ist eng verbunden mit der Entwicklungsgeschichte der Abhöre. Kaum verwunderlich, dass sie etwas länger dauerte.

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Markus Wolff sitzt im Demoraum von Neumann. Hier können Gäste hören, wie Neumann Referenzsound für die KH-Monitorsysteme definiert. Kaum verwunderlich, dass sogar unter den Tischen pyramidenförmige Dämpfungsflächen angebracht sind. Keine Schallwelle soll sich hier unkontrolliert durch die Luft bewegen. Wolff hebt die Augenbrauen, denn kontrollierte Schallbewegungen waren bei der Entwicklung des NDH 20, vereinfacht gesprochen, ein gewichtiges Thema: »Es ist durchaus anspruchsvoll, einen geschlossenen Kopfhörer zu planen, der mit Innenresonanzen ordentlich umgeht. Du hörst dann von außen nichts mehr, bist gut abgeschirmt – aber innen, vor deinem Innenohr, häufen sich die Schallwellen leicht zu etwas an…« – der technische Koordinator verzieht die Mundwinkel – »dass du nicht gebrauchen kannst.«

Einen geschlossenen Kopfhörer zu entwickeln, der höchsten Monitoring-Erwartungen gerecht wird, ist anstrengend. Ungefähr 6 bis 7 Jahren anstrengend. Der erste Kopfhörer von Neumann war jahrelang in der Entwicklung. »Halbe Sachen sind nicht so unser Ding«, gestehen die Entwickler im Rückblick.

Schmitz: »Selbst in akustisch schlechten oder ungünstigen Umgebungen brauchen Künstler und Tonprofis herausragende Werkzeuge. Ob im Studio oder beim Mixing zu Hause oder unterwegs: Du musst dich auf etwas verlassen können.«
Schmitz: »Selbst in akustisch schlechten oder ungünstigen Umgebungen brauchen Künstler und Tonprofis herausragende Werkzeuge. Ob im Studio oder beim Mixing zu Hause oder unterwegs: Du musst dich auf etwas verlassen können.«

Sein Sound will nicht, soll nicht, darf nicht schön klingen. So wie das Licht für Chirurgen auch nicht »gemütlich« oder »angenehm« scheinen sollte, sondern taghell und ungetrübt im gesamten Spektrum. Markus Wolff und Sebastian Schmitz schmunzeln bei dem Vergleich. »Dieser Kopfhörer war für uns alle tatsächlich eine Herzenssache, also durchaus eine OP am offenen Herzen. Ob Vertrieb, Entwicklung oder Design: Alle wollten, das alles stimmt. Alles sollte zu dem passen, wofür Neumann auf der Eingangsseite mit Mikrofonen steht und auf der Ausgangsseite mit der KH-Monitorserie.«

Immer mehr Menschen arbeiten mobil oder in flexiblen Umgebungen. Die Kosten für eine akustisch hochwertige Raumentwicklung seien nicht immer sinnvoll. Schmitz: »Selbst in akustisch schlechten oder ungünstigen Umgebungen brauchen Künstler und Tonprofis herausragende Werkzeuge. Ob im Studio oder beim Mixing zu Hause oder unterwegs: Du musst dich auf etwas verlassen können.« Genau deshalb ist der NDH 20 ein geschlossenes System und hält Außengeräusche wirkungsvoll außen vor. Sein Faltmechanismus macht ihn zu einem transportablen Monitorsystem. »Reference to go«, wie es ein Fachmagazin im Test nannte.

Wolff und Schmitz: »Dieser Kopfhörer war für uns alle tatsächlich eine Herzenssache, also durchaus eine OP am offenen Herzen. Ob Vertrieb, Entwicklung oder Design: Alle wollten, das alles stimmt. Alles sollte zu dem passen, wofür Neumann auf der Eingangsseite mit Mikrofonen steht und auf der Ausgangsseite mit der KH-Monitorserie.«
Wolff und Schmitz: »Dieser Kopfhörer war für uns alle tatsächlich eine Herzenssache, also durchaus eine OP am offenen Herzen. Ob Vertrieb, Entwicklung oder Design: Alle wollten, das alles stimmt. Alles sollte zu dem passen, wofür Neumann auf der Eingangsseite mit Mikrofonen steht und auf der Ausgangsseite mit der KH-Monitorserie.«

Lange vor diesem Testergebnis standen teils ernüchternde Ergebnisse. »Wenn wir bei Monitorlautsprechern auf kompromissloses Niveau setzen, muss der gleiche Maßstab auch für Kopfhörer gelten«, sagt Wolff, der mit seinem Team auch die KH-Monitore entwickelt und den Maßstab für »neutral« und »flat« mitbestimmt. Wolff lacht: »Du kannst einen Kopfhörer nicht messen, so wie wir es mit unseren Lautsprechern tun. Das war ungewohnt. Wenn wir einen Monitor entwickeln, ist er vor dem ersten Muster schon vermessen und aussimuliert. Nicht so bei Kopfhörern. Da setzt du dir besser sehr, sehr viele Muster auf.« Der Anspruch war: Der künftige Studiokopfhörer sollte das akustische Pendant zum neutralen Sound der KH-Monitore werden. Seine Akustik sollte die Übersetzung dessen sein, was die Neumann-Studiolautsprecher versprechen.

So reihte sich Korrekturrunde an Korrekturrunde. Wie müssen Treiber und Muschelwerkstoffe abgestimmt sein, welche Materialien veränderten das Resonanzverhalten?  

Die hohe Kunst lag in einer guten inneren Dämpfung. Die Signale ließen sich dazu theoretisch auch elektronisch filtern. Für die Neumann-Entwickler war das keine Option, weil sich dann der Charakter des Hörers mit der Ausgangsstufe des ansteuernden Verstärkers ändert. Eine Variante mit zu vielen Unbekannten. So konzentrierten sich Entwickler, Lieferanten und Designer auf die akustische Dämpfung, die alle Treiberelemente und alle Muschelmaterialien einbezog. »Der obere Mittenbereich war schwierig. Die Nichtlinearitäten haben uns etwas Erfindungsreichtum abverlangt, bis wir auf dem Niveau waren, dass die KH-Monitore als Referenz vorgeben«, so Wolff.

Ebenso entscheidend war reine Anatomie: Kein Kopf, kein Ohr ist jemals gleich. »Diese intime Interaktion zwischen Ohr, Kopfform und Kopfhörer hat enormen Einfluss auf den Sound, der ins Gehör findet«, erinnert sich Schmitz an viele Probeläufe.

»Jedes, aber auch jedes Element des Kopfhörers hat seine Berechtigung, weil es seiner Qualität hilft. Wir haben diesen Anspruch ins Design übertragen«, so die Produktdesignerin Anke Scherer.
»Jedes, aber auch jedes Element des Kopfhörers hat seine Berechtigung, weil es seiner Qualität hilft. Wir haben diesen Anspruch ins Design übertragen«, so die Produktdesignerin Anke Scherer.

Neben den inneren Werten definierte das Team in Berlin auch die äußeren Werte. Das Design sollte die durchaus gewichtigen Kopfhörer nicht nur für stundenlanges Arbeiten bequem gestalten. »Wir wollten auch, dass man unserem ersten Studiokopfhörer seine Verlässlichkeit und sein Qualitätsversprechen ansieht«, sagt Produktdesignerin Anke Scherer. Welche Stoffe eignen sich, halten die Qualität, bleiben bequem? Welche Materialien sind »Neumann« – und welche nicht? Das heute selbst die Isolationsringe an den Steckern einen Orangeton tragen »ist nicht Ausdruck von modischem Chic, sondern von Finesse bis in das kleinste Detail. So haben alle im Team schließlich gearbeitet: Jedes, aber auch jedes Element des Kopfhörers hat seine Berechtigung, weil es seiner Qualität hilft. Wir haben diesen Anspruch ins Design übertragen«, so Scherer.

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Die Entwickler zeigen währenddessen auf einen Bereich im Lager, in dem alle Prototypen und Muster eingelagert sind. »Neumann vergisst nie etwas vom Weg zum Ziel«, sagt Wolff . Wie viele Proben und Entwicklungszeit genau in den NDH 20 geflossen sein, behalten die Teams lächelnd für sich. Sehr viel schneller waren sich Fachjournalisten und Sound Engineers über das Ergebnis einig: Mit dem ersten Neumann-Kopfhörer sei ein neues und kompromissloses Referenzmodell für Monitoring, Mixing und Recording entstanden.