Das M 150 Tube ist ein einzigartiges Produkt in Neumanns Portfolio: ein Kleinmembran-Röhrenmikrofon mit Kugelcharakteristik, das speziell für Orchesteraufnahmen und klassische Musikinstrumente entwickelt wurde. Der Jazz-Sänger, Songwriter und Produzent Ola Onabulé hat es als Gesangsmikrofon ausprobiert – und ist begeistert!

„Es passt perfekt zu den Tiefmitten, die den Grundcharakter meiner Stimme ausmachen“, versichert Onabulé. „Es hat die festesten Mitten, die mir je bei einem Mikrofon untergekommen sind.“ Als Mikrofonkenner weiß der britisch-nigerianische Künstler, der nördlich von London sein eigenes Studio betreibt, dass das Neumann M 150 nie als Gesangsmikrofon konzipiert war.

Onabulé: „Ich habe dieses Mikrofon gekauft, um es genau für die Zwecke einzusetzen, für die es entwickelt wurde. Und dann hatte ich es eines Tages hier auf dem Mikrofonständer, das teuerste Mikrofon in meinem Arsenal. Da war es, direkt vor mir, und ich dachte mir, warum sollte ich es nicht mal für eine Gesangsaufnahme ausprobieren? Und als ich es tat, entdeckte ich, dass seine enorme Bandbreite und seine hohe Pegelfestigkeit bedeuteten, dass ich vor diesem Mikrofon so ziemlich alles machen konnte: Es würde immer groß und voll klingen. Außerdem entdeckte ich, dass ich ganz nah an dieses Mikrofon herangehen konnte, um Intimität zu erzeugen, ohne dass der gefürchtete und destruktive Nahbesprechungseffekt auftritt, der für mich als Sänger mit einer tiefen Tenor/Bariton-Stimme so etwas wie der Fluch des Lebens ist.“

Tatsächlich ist das M 150 ein Mikrofon mit ganz einzigartigen Qualitäten. Obgleich es wie ein klassisches Großmembranmikrofon aussieht, beherbergt sein offenmaschiger Mikrofonkorb eine Kleinmembran-Kondensatorkapsel, die in eine kleine Kugel eingelassen ist, welche der Kugelcharakteristik in den oberen Frequenzen eine zunehmende Richtwirkung verleiht. Das daraus resultierende Richtdiagramm hat daher tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem eines Großmembran-Gesangsmikrofons, dessen Nierencharakteristik sich typischerweise zu den tiefen Frequenzen weitet. Als reiner Druckempfänger hat das M 150 jedoch keinen Nahbesprechungseffekt.

Auch in anderen Punkten unterscheidet sich die Kapsel des M 150 stark von üblichen Kondensatorkapseln. Ihre extrem dünne Membran besteht aus Titan, einem sehr leichten, aber harten Metall – was zum unglaublich schnellen Impulsverhalten des M 150 beiträgt. Und auch wenn seine akustischen Eigenschaften für Orchester und instrumentale Timbres perfektioniert wurden, können sie sich durchaus auch für Gesangsaufnahmen als nützlich erweisen. Tatsächlich haben Sprachkonsonanten überraschend schnelle Transienten, die weniger hochwertige Mikrofone mitunter vor unlösbare Aufgaben stellen. Darüber hinaus bietet das M 150, wie sein historischer Vorfahre, das legendäre Neumann M 50, die wohlklingenden Eigenschaften einer Röhrenelektronik.

„Wenn ich mit Engineers und anderen Leuten darüber diskutiere, wie ich dieses Mikrofon einsetze, blicke ich oft in fragende Gesichter“, fährt Onabulé fort. „Aber es scheint ganz einfach zu funktionieren! Und wenn ich den Leuten gar nicht erst erzähle, welches Mikrofon ich verwende, und ihnen nur die Audiofiles schicke, die ich aufgenommen habe, antworten sie oft mit Kommentaren, wie groß der Sound doch sei.“

Natürlich ist ein „Larger-Than-Life“-Sound nicht unbedingt die beste Wahl für einen dichten gedrängten Mix. Daher verwendet Ola Onabulé sein M 150 als Gesangsmikrofon meist in sparsamen Arrangements, „wo die Stimme praktisch alleine steht oder nur vom Piano begleitet wird und beide Instrumente großen Raum einnehmen dürfen.“ Das M 150 funktionierte jedoch auch hervorragend im Kontext einer kleinen Band, mit der Onabulé seinen Song „Lagos Boy“ live im Studio darbot:

https://youtu.be/oiQs1BscPgE?list=PL94D855DBE5050080

Multi-Mikrofon-Technik

Das Neumann M 150 wurde sogar zum festen Bestandteil von Ola Onabulés Standard-Aufnahme-Setup für die Alben Seven Shades Darker und It’s the Peace That Deafens. Wobei sein Setup alles andere als „Standard“ war! Der britische Künstler mit nigerianischen Wurzeln nahm seinen Gesang mit drei Mikrofonen simultan auf, um dem Mix-Engineer Zugriff auf alle Aspekte seiner Stimme zu gewähren. „Der Mix-Engineer bekam drei Mikrofone [als separate Files]: das U 87 Ai, das TLM 49 und das M 150. Ich sagte nur: ‚Mach was immer du möchtest!’,” erklärt Onabulé. „Fürs Monitoring habe ich nur dasjenige Mikrofon verwendet, das mir für den jeweiligen Song am besten gefiel, aber ich habe drei Spuren geschickt. Für mein neues Album, das 2019 erscheinen wird, habe ich meine Vorgehensweise weiterentwickelt und verfeinert. Inzwischen habe ich eine recht gute Vorstellung davon, welches Mikrofon für bestimmte Songs das richtige ist und verwende dementsprechend nur noch eines der drei.“

Onabulé hat jedoch keine Furcht, auch mit anderen Setups zu experimentieren, die ihm für einen bestimmten Song oder eine bestimmte Performance besser geeignet erscheinen. So verwendet er manchmal sein M 150 zusammen mit seinem U 87 Ai in einer anderen Konfiguration: „Wenn ich weiß, dass ich in dem Song einige sehr, sehr hohe Töne herausschmettere, gefolgt von einigen leisen Tönen, dann baue ich das M 150 als Nahmikrofon auf und platziere das U 87 mit etwas Abstand – ein Fuß, manchmal zwei [30 – 60 cm]. So habe ich es am Ende eines Songs mit dem Titel „The Voodoo“ getan. Ich hatte gehört, dass manche Rocksänger eine ähnliche Technik mit zwei Mikrofonen verwenden.“

Die Grundidee, erklärt Onabulé, sei eine Umgebung zu schaffen, in der er sich als Performer völlig frei fühlen kann: „Wenn du mit einem einzigen Mikrofon singst, bist du immer auf Verzerrungen gefasst und achtest darauf was passiert, wenn du laut wirst. Selbst wenn du Verzerrungen unterbindest. Ich verwende einen Audio & Design [F760X-RS] Compex; das ist ein ungewöhnlicher FET-basierter Kompressor, der einen Limiter dazu verwendet, die Kompression zu steuern. Er limitiert und dann komprimiert er unterhalb des Limiters. Wenn ich richtig laut singe, habe ich immer Angst, dass der Limiter einsetzt. Manchmal möchte ich all das hinter mir lassen, besonders dann, wenn ich singe und gleichzeitig fürs Engineering verantwortlich bin. Weg mit dem Kompressor und dem Limiter! Weg mit allen tontechnischen Bedenken! Stell ein Mikrofon auf, das nie verzerren wird, egal wie laut du singst, weil es weit genug entfernt steht. So habe ich nur ein paar Mal so aufgenommen, aber das waren die einzigen Male, wo ich ohne jede Furcht laut singen konnte.“