Studiobesuch bei Nils Frahm

In Berlin nennt die Presse ihn »Deutschlands heimlichen Weltstar«. Montreux Jazz Festival, das Barbican in London, Hallen von Tokio bis New York: ausverkauft, nicht selten in Folge. Wenn Nils Frahm Tasten berührt, mit Klobürsten auf Klaviersaiten hämmert, Mikrofone umkrauschelt, Synthesizer, alte Orgeln und Klaviere zusammenführt – dann entsteht ein neuer Raum zwischen Klassik und Elektronik.

Selbst im eher konservativen Wiener Konzerthaus gab es dafür Standing Ovations. Sein oft intimer, manchmal rauer und immer wieder wandelbarer Sound wurde besonders auf dem jüngsten Album All Melody von der Kritik gelobt. Zwei Jahre hat Frahm daran gearbeitet, das heimische Studio verlassen und ein Großstudio nach Rundfunkstandard renoviert. Und alles darin dann auf Welttournee mitgenommen, Großorgel inklusive. Warum seine Aufnahmen nicht selten mit WD-40 und Schraubenzieher beginnen, wieviel Demut im Studiobau steckt, welche Dinge Mut machen, erzählt Nils Frahm im Studiobesuch.

Wir stehen an einem Ort, der nicht leicht zu beschreiben ist. Draußen gleißt die Sonne, im Studio ist es eher dunkel, fast schummerig. Nils Frahms Hände spielen gekonnt mit der Kaffeemaschine, einer anspruchsvollen, glänzenden Hoheit. Routiniert entstehen zwei Café Cortado. Sie schmecken anders als alles, was am Bahnhof und im Barista-Shop um die Ecke empfohlen würde. Frahm schmunzelt. »Meine Lieblingsbeschäftigung sind Dinge, die weit weg sind von dem, was homogenisiert ist. Das betrifft sogar die Milch, die ich in meinen Kaffee tue.« So, wie er es sagt, klingt es eher nach »Aufmerksam sein für die Dinge« als nach »Das Beste wollen«. Frahm: »Ich habe früh erlebt, dass es sich nicht immer lohnt, dahin zu rennen, wo alle hinwollen. Das habe ich bei vielen Entscheidungen im Studio ähnlich gemacht. Ich habe keinen Minimoog hier stehen, kein Fender- XY, ich habe diese ganzen Standards nicht. Haben doch alle. Alle haben ein U 47. Ich habe keins. Es geht mir darum, eine andere Geschichte zu erzählen, etwas bloßzustellen: Dass du deine Kraft als Künstler nur entfalten kannst, nur gut klingst, wenn du dieses oder jenes hast oder mit diesem Preamp arbeitest. Das ist Unsinn. Ich weiß nicht, wovor die Leute Angst haben, gerade bei solchen Banalitäten wie Vocal-Aufnahmen. Es geht nur um einen Vocal-Take und es gibt 1.000 tolle Sachen, die man machen kann, nicht nur die eine. So habe ich mein Studio nie aufgesetzt: Wartend auf dieses eine. Lieber etwas, das es noch nicht gibt. Jetzt bin ich schon fast ein wenig gelangweilt von dem perfekten Studio. Natürlich ist es ein sehr charakteristisches Rundfunkstudio, aber auch ein Schritt Richtung Homogenisierung und Normalisierung.«

Nils Frahm gestikuliert, der Fotograf sucht währenddessen Licht. Es gibt nicht viel. Nur kleine Lampen, meist indirekt und weich aufgefangen von Holzvertäfelungen. Frahm nickt und erwähnt Jun’ichiro Tanizakis Klassiker »Lob des Schattens«; wie Licht und Schatten die Größe und Funktion eines Raumes definieren und Spannung schaffen. Grelles Einerlei schätze er nicht: »Beim Musik machen ist es besser, wenn es nicht so hell ist. Du bist eh mehr auf deine Ohren fokussiert. Der Stuhl da vorne zum Beispiel. Er bekommt etwas Zeichnung von dem Licht oben und von der Lampe am Tisch. Hätte er einfach nur so ein Raumlicht, wäre er völlig unplastisch. Langweilig.« Wie hört wohl jemand, der so sieht?

Nils Frahm hat sein Studio 3 in Block B ab 2015 selbst renoviert, hat ehemalige Mitarbeiter getroffen, hat geforscht, gehobelt und geflucht. »Natürlich war das ein Ort für Propaganda. Von hier aus wurden die Werte der DDR verbreitet – und das musste möglichst gut klingen. Der Westen sollte merken: ›Wenn wir Wagner aufnehmen, dann ist das oberstes Niveau.‹« Wir stehen in seinem Aufnahmesaal, reich vertäfelt, aufwändig gedämmt. Frahm feixt: »Und dann haben sie hier die königliche französische Lilie als prägendes Element in die Holzvertäfelung gefräst. Sozialistisch ist das nicht. Anderseits haben die Menschen sich hier eine westlich denkende Enklave im Osten geschaffen. Eine Art Silicon Valley für akustisches Brainstorming. Dieser Fundus, diese Ära, dieser Anspruch aus den 1950er und 1960er Jahren, das begeistert mich.« Akustik galt als Ingenieurskunst – heute eher als Ausbildungsberuf: »Dann ist das schnell so ein ›Leatherman‹- Job, immer ein bisschen Gaffa dabei. Steckst das Kabel da rein und wenn es brummt, schiebst du an der DI-Box den Groundlift rein. Aber warum? Wie hängen Signalfluss und Impedanz und Schwingungen und subharmonische Verzerrungen zusammen und wie war das mit der Laufzeitberechnung?«

Wie es ihm gelinge, bei all diesen Fragen noch zum Musik machen zu kommen? »Ich weiß, dass ich nichts weiß. Zumindest nie genug, um das Ganze zu verstehen. Ich glaube nicht, dass sich der ganze Bereich Audio und Musik machen in einem Menschenleben erschließt. Ich bilde mir sogar ein, dass die größten Meister der Musik immer gesagt haben: ›Bin nicht fertig geworden.‹ Ich verstehe ein paar Rädchen der großen Maschine. Also mache ich einfach. Ich kann noch so viele Bücher lesen. Es hilft mir nicht, gute Musik zu machen. In diesem Spannungsfeld bleibt es spannend. Ich nehme Wissen nicht ernst, sehr wohl aber Erfahrung. Es gibt mehr als nur eine Lösung. Auch beim Mikrofonieren gibt es so viele Richtig-Momente, nicht nur einen. Deshalb halte ich mich aus der strengen Normschule eher raus. Daran habe ich keine Freude. Ich will lieber was hören, was erleben, anstatt zu rechnen. Mich stört es, wenn Technik dabei im Weg steht. Ich schaffe mir hier die Werkstatt, in der ich Spaß habe. Und es gibt andere Werkstätten, in denen andere Spaß haben.«

ALLES ANDERE ALS NORMAL

Wer das Funkhaus-Gelände besucht, weit außerhalb des bekannten Berlins, betritt eine Zwischenwelt. Es ist weit weg von »Mauer« und »Brandenburger Tor« und dem, was Berlin sein soll. Hier an der Nalepastraße spürt man noch etwas vom zerrissenen Herzen einer Stadt, die lange beides war und nie eines wurde: Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus, Russe und Ami, Punk und Politik. Das Funkhaus ist ein gigantischer Gebäudekomplex aus dieser Zeit der Trennung. Von hier sendete der Rundfunk der DDR. Überall Marmor, mächtige Säulen, edelste Holzverkleidungen.

Das Funkhaus sieht nicht nur eigen aus, es riecht auch anders. Es nimmt sich seltsam ernst, ist ganz unironisch in seinem Stolz und Prunk. Die riesigen Räumlichkeiten lassen nicht nur Platz für exzellente Akustik, sondern auch für Demut. Nils Frahm nickt in der Kaffeeecke: »Die Erbauer des Funkhauses sind Menschen, die diese Demut erfunden haben könnten, diese Achtung voreinander. Der Architekt achtet den Akustiker, der Akustiker den Architekten … diese Neugierde auf des anderen Expertise. Wie sie darum gerungen haben, ein gemeinsames Wertekonzept zu entwickeln und in großen Komitees besprochen haben. Sie haben über Klang philosophiert und ihre Maßstäbe dazu. Wo wollen wir hin? Was ist guter Klang, wie wichtig ist Räumlichkeit? Es gab sogar ein Institut für Grenzphänomene der Akustik. Das klingt abgefahren, aber am Ende entstand damals vieles von dem, was wir heute Broadcast-Norm nennen. Davor gab es eigentlich nur laut oder leise. So wurde auch Hi-Fi geboren. All diese Wandel sind noch spürbar: Von nassen zu trockenen Räumen, als die One-Microphone-Technik abgelöst wurde durch viele Mikrofone, Multi-Mikrofone und Close Micing. Du hörst diese Geschichten, wie begeistert die Menschen hier in und an diesem Wandel gearbeitet haben. Wenn es etwas nicht gab, ging man halt in die Werkstatt und hat es entwickelt.« Frahm schweigt, guckt zu einer Reihe von Upright-Pianos und Keyboards. »Ohne Demut kann ich diese Ideen nicht entwickeln, etwas so gut zu machen, dass es besser ist, als ich es eigentlich brauche.«

Fortsetzung folgt...