»MIR GEHT’S NICHT UM VINTAGE«

Seit seinem 13. Lebensjahr sammelt Frahm Audiotechnik. Das selbst gebaute Mischpult, alte Verstärker, Tapemaschinen, frühe Synthesizer, ein Schrank voller ehrwürdiger Mikrofonklassiker. Eine Sehnsucht nach den guten alten Zeiten? Frahm schüttelt den Kopf: »Mir geht’s nicht um Vintage. Das ist mir völlig egal. Ich will einfach, dass es transientenreich, knackig, aber auch nicht leblos klingt. Ich finde es schön, wenn sich irgendwo etwas dynamisch verhält, wenn etwas nicht in dB-Schritten skaliert. Wir nutzen das Neue und das Alte, weil es ein eklektischer Weg ist, manche Sachen besser funktionieren und manche schlechter. Das ist subjektiv und kein Anspruch.«

Einerseits ein ganzes Studio aufbauen und renovieren, andererseits als Musiker arbeiten – widersprechen sich diese Welten?

Überhaupt nicht. Aber es ist die beste Ergänzung zu Dingen, die sich immer wiederholen. Ich wollte damals kein klassischer Pianist werden, weil mir klar war, dass ich dann jeden Tag sechs bis acht Stunden Klavier spielen muss. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint? Du fährst nicht zum See. Ich habe diese Disziplin nicht und bin viel zu neugierig. Aber ohne diese Grenzbereiche, ohne neben den Instrumenten auch mal einen Tisch für diese Instrumente zu bauen … ohne diese Ideen entsteht kein Workflow. Ein Arbeitstag beginnt für mich damit, dass ich mir etwas zusammenbaue für den Tag. Ich weiß auch nicht, wie das passiert, aber anders kann ich nicht Musik machen. Einfach irgendwo anfangen. Hier, mit dem Stuhl. Stelle den in die Mitte, baue ein Instrument auf, setze mich mal hin, spiele was. Ah! Ich brauche ein Mikrofon. Und dann geht’s los. Wenn hier was rasselt, da etwas quietscht, muss ich eben mit WD-40 ran. Dann knarzt es dort und du hörst das sehr laut und plötzlich sind zwei Stunden rum und deine Hände ölverschmiert. Ich denke dann nicht mehr. Das Knarzen muss einfach weg. Dann diskutiere ich auch nicht. Ganz egoistisch. Das nächste Quietschen finde ich vielleicht schön. Aber das Knarzen hier und jetzt? Muss weg. Ich will einfach, dass es so klingt, wie ich es mir vorstelle – und weiß zugleich nicht, was ich mir vorstelle. Das ist wie ein inneres Pingpong mit Wagner. Und dann bin ich weg, wie so ein Typ auf dem Segelboot.

Ist dein Studio jetzt perfekt?

Der perfekte Klang? Der beste Raum? Das genialste Mikrofon? Nein. Gibt es nicht. Es gibt nur einen speziellen Raum oder einen speziellen Klang. Ich könnte mir morgen überlegen, dass das nicht mehr mein Sound ist. Aktuell materialisiert sich meine Philosophie in diesem Studio. Ich bin aber nie zufrieden damit. Je mehr ich mich auf das scheinbar Perfekte, auf den richtigen Weg versteife, desto mehr komme ich aus der Balance. Diese andere Sache geht doch auch! Wenig im großen Studio ist digital. Du arbeitest fast ausschließlich analog. Ist das Abscheu vor dem Digitalen? Wenn Leute mit dem Computer einen guten Weg finden: Ich freu mich für die. Vielleicht schaffen sie es, sich den Wahnsinn nicht aufzuhalsen. Ich schaffe es nicht. Ich halse mir den Wahnsinn auf, halte Geräte in Stand und versuche, einen Raum zu schaffen, atme diese Dämpfe ein beim Renovieren und Streichen und Machen. Frage Freunde, Kollegen, Bekannte, Experten. Diskutiere Lacke für die Wand und ihre akustischen Eigenschaften. Eine riesige Baustelle, 1.000 Details. Aber die Menschen haben sich dran gewöhnt, mit dem Laptop an einem Tisch zu sitzen und alles von überall machen zu können. Das ist genial! Und ich frage mich neiderfüllt: Wie macht euch das Spaß?

Klingt nicht so, als wärst du ein Freund technischer Neuerungen.

Ich würde jetzt nicht sagen »Das Klavier darf man noch erfinden, aber dann muss die Entwicklung aufhören.« Alles entwickelt sich weiter, aus dem Klavier wurde der Synthesizer und der ist jetzt virtuell. Mich interessiert aber mehr, was am Ende aus dem Lautsprecher kommt. Ich habe keine Lust auf Tricksereien, auf irgendwas Wegklimpern und der Kumpel mischt es dann fett ab und wir zählen die Klicks. Wenn etwas schon Erfolg hat und jemand unter den Teppich guckt, dann sollte da doch auch eine interessante Geschichte, ein inspirierender Prozess liegen. Wenn du alles nur sampelst und durch Filter drehst, kann das Musik und Kompositionen banalisieren. Sobald du das erkannt hast und hören kannst, geht der Zauber verloren. Du blickst, du hörst hinter die Kulisse, desto mehr du über Produktion lernst. Am Ende bleibt nicht mehr viel übrig, was dich berührt. Ich will Reduktion. Eine kleine Menge, die mich umhaut – und davon gibt es unendlich viel da draußen.

Für deine Welttournee zu All Melody hast du das komplette Studio quasi eingepackt und mitgenommen. Alle Instrumente, Pulte, sogar die große, luftbetriebene Holzorgel. Sie wurde an jedem Spielort in einem separaten Raum aufgebaut, per MIDI angesteuert, mit Mikrofonen abgenommen und live wieder eingespielt. Warum der Aufwand?

Weil ich mir meine Geschichte nicht verhunzen will. Es geht ja nicht nur darum, was die anderen denken oder hören. Es geht vor allem darum, was du von dir selbst hältst. Wenn du dir selbst etwas schönredest, dir was vormachst, ist das nicht nur anstrengend und frisst Energie. Du nervst dich auch selbst. Wenn ich von der Wurzel her denke »Die Orgel muss mit«, dann muss sie mit. Wenn ich diesen Wahnsinn einfach ausdehne auf mein ganzes Umfeld, alle damit anstecke: Ja, ok, das war Wahnsinn – aber es war wichtig. Wir hatten alle tierisch Spaß. Niemand hat gejammert, die Orgel auf- und abzubauen. Alle haben es gehört, alle haben es gespürt: Das ist lebendig, das ist richtig.

Das ist für mich die Geschichte, die wir geschrieben haben. Irgendwann sitze ich vielleicht irgendwo faul rum und denke an die Haltung damals. Wie wir diesen ganzen Quatsch voller Freude und Stolz auf den eigenen Wahnsinn durchgezogen haben. Wenn sich daran jemand aufrichten kann; jemand, der Angst hat, dass sowas eigentlich nicht geht – das wäre für mich die größte Freude. Es geht um eine Grundhaltung. Wie machst du deinen Garten, wie wäscht du ab, wie redest du mit deinen Kindern? Machst du das mit Liebe oder hast du eigentlich keinen Bock darauf? Es ist egal, ob ich Musik mache, ein Studio renoviere oder ein Lied spiele: Was ich ausstrahlen möchte, ist diese Haltung zu Arbeit und Verantwortungen, die man sich selber aussucht. Zur Verpflichtung seinen Träumen gegenüber. Ja, klingt verrückt. Diese Idee, dass man auch für seine Talente eine Verantwortung hat. Es ist ziemlich belebend zu spüren, dass es sich lohnt, sich so zu verhalten.

Selbstkritik?

Je mehr du Fan deiner eigenen Idee bist, desto mehr lehnst du dich in den Wahnsinn und die Abhängigkeit. Du wirst unfrei, das Blickfeld enger, wie mit der Machete im Busch. Die Freiheit auszuhalten … dass nichts wirklich fest ist; dass es keinen festen Punkt im Universum gibt, auch nicht im Kopf: Das ist schwer auszuhalten. Aber ich will Begeisterung erzeugen. Das ist zwar nicht einfach, aber es ist befreiend. Welche Bedeutung gebe ich dieser Note von Bach, diesem Stück Land, diesem Sternenstaub? Ich muss das nicht. Ich entscheide mich dazu, und das bringt Leichtigkeit zurück. Wir leben wirklich in einer sehr abstrakten Sphäre – und ich möchte immer wieder Löcher in solch komisch feste Haut schlagen und sagen: Guck, gibt noch Tausende andere Möglichkeiten, das zu sehen. Den ganzen alltäglichen Wahnsinn in der Einkaufspassage, auf der Autobahn, das Internet funktioniert nicht – das ist doch alles uninspirierend. Wir müssen einfach ein Leben bauen, das inspirierend ist. Wir können alles aus unserem Leben verbannen, das uns nicht weiterhilft. Ich hasse es zu hören, dass Sachen kompliziert sind. Sind sie nicht. Es ist nur so kompliziert, wie du es dir machen möchtest. Dazu hast du alles Recht. Man hat aber auch das Recht dazu, die Sachen einfach zu lösen und den Stecker zu ziehen. Etwas anderes zu träumen. Es gibt nichts und niemanden, der Besitz von dir ergriffen hat. Und daher hast du auch kein Recht mehr, anderen Leuten mit deiner schlechten Laune auf den Keks zu gehen, deinen Wahnsinn an den anderen auszulassen. Du weißt es doch schon.

Das führt zu einer Härte, die ich in mir selbst erzeuge, um das »nichts-festmachen-können-von-allem« auszuhalten. Ich bin hier und atme, ich lebe, ich sterbe irgendwann und heute mache ich einen Teil meines Albums fertig.

Wie blickst du dabei auf Audiotechnik?

Wenn wir immer alles Gute verändern müssen – wo kommen wir da eigentlich hin? Und warum sind wir überhaupt aufgebrochen? [lacht] Ich frage mich halt wirklich, warum man als Selbstzweck beschlossen hat, dass man immer weitermuss. Manche Dinge lassen sich vielleicht nicht weiter verbessern. Wie sind wir dahin gekommen, dass wir immer Angst haben, zu wenig zu machen? Dass alles sich immer erneuern muss? Wie kann ich das beste Mikrofon bauen, wenn ich ein rationaler Ingenieur bin? Gibt es einen rationalen Ingenieur? Und schon drehen wir uns im Kreis. Das heißt: Ich nehme eigentlich niemanden ernst und jeden ernst. Ich weiß doch von mir selbst, dass ich verrückt bin, aber auch rational, eine Mischung aus allem. Wahr und unwahr hat auch immer etwas mit dem zu tun, was wir fühlen. Wir kommen unserer Eingeschränktheit, Wahrheit zu verstehen, recht schnell nah. Deshalb interessiert mich eine Technikbude. Weil ich mich frage: Worauf verlasst ihr euch, wenn ihr ein Mikrofon baut?

Auf welche Wahrheit, welche Maßstäbe verlässt du dich bei der Komposition und Produktion?

Natürlich messen wir auch ein, aber dann mache ich keine Musik. Ich mache gern einfach mal die Augen zu. Wenn ich einen Song mische, dann will ich nicht mehr piepen und messen. Es gibt immer Voodoo, es gibt immer Wissen, es gibt immer Messen, es gibt immer Fühlen. Und deswegen mache ich das so gerne: Weil es kein einfaches Gebiet ist. Vielleicht sind wir deswegen abhängig davon: Weil Musik bearbeiten genauso viel Spiritualität erfordert, wie es Ingenieurskunst und Einfallsreichtum braucht, dieses MacGyvertum. All das braucht es.

Letzte Worte?

Ich möchte eine Haltung vorleben. Dass dabei Musik entsteht, ist auch ok. Dass dabei Konzerte entstehen – super! Aber am Ende geht es darum, einen weiteren Weg zu zeigen. Orientierungslosigkeit haben wir genug. Mein Weg ist genauso verloren im Dschungel wie jeder andere. Aber die Haltung, dass ich Bock habe auf diesen Weg – das ist, was ich teilen möchte.

VON GROSSEN RESONANZFLÄCHEN

Später stößt auch Wolfgang Fraissinet, Geschäftsführer der Georg Neumann GmbH, zum Studiobesuch. Mit großen Augen beugt er sich über das handgefertigte Analog-Mischpult in Studio 3. Es ist eine Maßanfertigung und er entdeckt sofort einige Fader von Neumann. »Die ganze Matrix ist maßgeschneidert. Wir haben alles selbst geschaltet, das sind quasi selbst gebaute SMD-Module«, erklärt Nils Frahm. Fraissinet nickt fasziniert. Schließlich hat seine Zeit bei Neumann Anfang der 1990er mit dem Vertrieb der damaligen Neumann-Mischpulte begonnen. Innerhalb von Sekunden fachsimpeln die beiden über Kanalzüge, über die Vorliebe zu 276er Vorverstärkern und über den alten Telefunken-Triodenlimiter 713.

Im großen Aufnahmesaal dann die Begegnung mit dem weltgrößten Klavier Klavins M450, dessen Entwicklung Nils Frahm mit angestoßen hat. Es ragt über zwei Stockwerke in den Saal. Frahm klettert über eine Leiter hinauf und spielt die tieferen Saiten an: »Wir haben das parallel besaitet, keine Kreuzsaiten. Es hat so einen weichen, grundtönigen Klang.« Unten steht Wolfgang Fraissinet und hält die Hände staunend vor den Resonanzboden. Er hat klassisches Klavier am Berliner
Konservatorium gelernt – und ist verzaubert: »Das ist Wahnsinn … allein dieser riesige Resonanzboden ist ja ein Kunstwerk für sich.« Die beiden fachsimpeln über Querverleimungen, Berechnungen, Mensurenformeln, Anschlag und Hammerlinien.

Fraissinet schaut sich um: »In diesem Saal, mit dem Nachhall, mit diesem Instrument … müsstest du doch mit einer diffusfeldentzerrten Kugel wahnsinnige Möglichkeiten haben. Du würdest damit einerseits die Raumtiefe gut abbilden und zugleich die Besonderheiten dieses Resonanzbodens; der Klang wäre nicht so richtungsgebunden wie eine Niere.« Nils Frahm nickt und die beiden verschwinden hinter dem Mischpult.

Es geht um Stücke, Aufnahmetechniken, Mikrofonierung. Im Raum klingt Some vom Album Solo. Nils Frahm erklärt: »Ich komponiere im Prinzip für ein Instrument. Ich höre mir ein Instrument an, mikrofoniere das und setze mir das auf die Kopfhörer. Dann höre ich mir an, was das Setup will … und dann improvisiere ich.« Wolfgang Fraissinet schüttelt ungläubig den Kopf: »Das ist improvisiert?« Nils nickt. »Einfach rangesetzt und gespielt?« Wieder ein Nicken: »Drei Tage aufgenommen, ohne ein Stück geschrieben zu haben. Aus diesen acht Stunden-Jams die besten Sachen editiert. Improvisieren kannst du nur für den Moment, auch mit Synthesizern: Mal hast du diesen Patch, mal jenen – das kannst du nicht immer nachspielen wollen.« Ausprobieren kann Wolfgang Fraissinet diesen Sound jetzt auch zuhause, am Bösendorfer Schülerflügel. Denn zum Abschied überreicht Nils Frahm ihm einen Notenband mit allen Noten der Stücke, die sie heute zusammen entdeckt haben.